Das Lernen lernen
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Wenn man mehr über den Erfolg des Lernens wissen will, lohnt es sich,
die Autobiographien erfolgreicher Menschen zu lesen. Was brachte diese
Persönlichkeiten dazu, sich intensiv mit ihrem künftigen
Wissensgebiet zu beschäftigen? Interessanterweise gleichen sich hier
die Antworten: Fast immer steht ein Aha-Erlebnis am Anfang eines
Lernprozesses, der aus einem durchschnittlich interessierten Menschen
einen erfolgreichen Künstler oder Wissenschaftler hat werden lassen.
Was ist ein "Aha-Erlebnis?
Der Sprachpsychologe Karl Bühler definiert dieses "Aha-Erlebnis" als
"Ein eigenartiges im Denkverlauf auftretendes-lustbetontes Erlebnis, das
sich bei plötzlicher Einsicht in einen zuerst undurchsichten
Zusammenhang einstellt."
Derartige Aha-Erlebnisse kommen und kamen keineswegs nur in der Schule
vor. Im Gegenteil: Fast scheint es so, als ob große Zeitgenossen von
der Schule und ihren Lehrern in ihrem Genie völlig verkannt wurden
(werden?):
- Albert Einstein konnte wegen schulisch bedingter nervlicher
Zerrüttung an seiner Schule das Abitur nicht machen und
deswegen nur das Polytechnikum besuchen. Weil er dessen Aufnahmeprüfung
im ersten Anlauf nicht schaffte, nahm er am Unterricht der obersten Klasse
der Kantonsschule in Aarau teil. Dort versteht er zum ersten Male
etwas...
- Den Eltern des späteren Chemikers Justus von Liebig bescheinigte
der Rektor, er sei die Plage aller Pädagogen. Der Vater nahm ihn
daher von der Schule und steckte ihn in eine Apothekerlehre. Als
er mit seinem Hobby Chemie den Dachstuhl des Apothekers in die
Luft gesprengt hatte, kannte sein Interesse für die Chemie keine
Grenzen mehr...
- Der Lehrer von Thomas Alva Edison nannte ihn vor der ganzen
Klasse einen Hohlkopf. Edison verließ den Klassenraum und ging nie
wieder zur Schule zurück. Seine Mutter gab ihm Privatunterricht.
Mit dem ersten naturwissenschaftlichen Buch "Schule der Naturphilosophie"
schenkte sie ihm den "Goldenen Türöffner" zur Physik und Chemie sowie
zur Technik; der Erkenntnistrieb entzündete sich ihm.
Diese Liste ließe sich sicher fortsetzen...
Auffallend ist, dass erfolgreiche Menschen, im Extremfall Genies, zu
einem überraschend hohen Prozentsatz keine guten Schulnoten hatten.
Vielmehr waren es ganz bestimmte Erlebnisse, die den Startschuss
zum Lesen, Lernen, Denken und schließlich schöpferischen
Arbeiten abgegeben haben. Und immer wieder stößt man dabei auf
den Begriff der "Faszination", der "Bezauberung", einer Umschreibung des
oben schon erwähnten Aha-Erlebnisses. Dieses Schlüsselerlebnis
hat einen starken Aufforderungscharakter, der in manchen Fällen
durch nichts in der Welt, weder durch Enttäuschungen noch durch
Rückschläge, zu zerstören ist. Und danach "geht der
Schüler seinen Weg"; er hat Erfolg.
Lernen gelingt und wird zum Erfolg, wenn das Gefühl "JA" dazu sagt.
Stellt sich der Erfolg des Lernens ein, wird das Gefühl in seinem
JA weiter bestärkt; der Lernende lernt mit Lust. Der
Lernprozess trägt sich von allein!
Es wird wohl deutlich, dass Lernen kein wertneutraler und sachlicher
Vorgang ist. Um ein aktuelles Bild zu gebrauchen: Es ist kaum
möglich, Schüler mit "Daten zu füttern", so wie man es mit
Computern tut. Das menschliche Lernen spielt sich in Rahmenbedingungen ab,
die anziehen oder abstoßen können. Faktoren also, die im
positiven Fall das Lernen erleichtern und als Lust empfinden lassen, im
negativen Fall aber das Lernen erschweren und zur Last machen können.
Wodurch können Aha-Erlebnisse ausgelöst werden?
- Durch persönliche Zuwendung
Eine Person, dir mir hilft, in meinem Leben Sinn und Zweck zu
finden, wird mich eher prägen als eine Person, der ich egal bin.
Dies könnten zum Beispiel Lehrerinnen und Lehrer sein, aber auch
Personen, die mir bei der 'Entfaltung meiner Persönlichkeit'
irgendwie Vorbild sind (ein Elternteil, ein Verwandter, ein
Freund, eine angesehene Persönlichkeit des öffentlichen
Lebens...).
- Durch das Medium
Beim Spiel ist so ein Medium zum Beispiel der Ball. Begriffe wie
Ballverliebtheit und Ballbesessenheit sind geläufig. Der Ball
als Medium mit einem unwiderstehlichen Faszinations- und Aufforderungscharakter!
Beim schulischen Lernen können ebenso Medien
Faszination und Attraktivität ausstrahlen und so Motivation und
Lernerfolg ermöglichen. Beispiele: Musikinstrumente; reizvolle
Bücher; Sammelbände; in neuerer Zeit auch der Computer.
- Durch Optimismus
Nicht selten gerät der Lernende an einen Punkt, der durch einen
Misserfolg geprägt ist (Einsteins nicht bestandenes Examen;
das Dach des Apothekers, das von Liebig in die Luft gesprengt wird;
Marie von Ebner-Eschenbachs Einsicht, nie so gut schreiben zu
werden wie Lessing). Gerade dann stellt sich oft heraus, dass die
menschlichen Kräfte dieses Minus in ein Plus verwandeln wollen
("Jetzt erst recht!").
Ausgespart habe ich hier die "mythischen" oder symbolischen Aha-
Erlebnisse, die aber wohl auch eine grosse Rolle spielen können:
Träume, intuitive Analogiebildungen usw. Denn diese lassen sich kaum
organisatorisch vorbereiten; sie stellen sich einfach ein.
Motivation und Demotivation
Wenn es gelingt, die Rahmenbedingungen des Lernens so zu gestalten,
dass möglichst oft Aha-Erlebnisse ausgelöst werden,
überstrahlt das Gefühl des Erfolgs meist auch die negativen
Seiten des Lerngegenstands. Aus dem Lernen-Müssen wird dann
gefühlsbedingt ein Lernen-Wollen. Der einmal erreichte Erfolg
vermittelt ein Lustempfinden mit einem Verlangen nach Wiederholung dieser
angenehmen Empfindung. Wir kennen diesen Zustand unter dem Begriff
"Erfolgserlebnis". Ein so verstärktes Selbstbewusstsein erzeugt
Motivation (= Anregung und Erhalt der Lust am Lernen):
Wie können Lehrerinnen und Lehrern ihren Schülerinnen und
Schülern dabei helfen? (ich gehe bewusst auf die motivierende
bzw. demotivierende Rolle des Elternhauses nicht ein!) Vereinfacht gesagt:
durch Lob oder kritische Anerkennung ihrer Leistungen sowie durch
Interesse an ihrer persönlichen Entwicklung. Es ist erstaunlich,
welche Kräfte in einem Menschen freiwerden, der sich von seinem
Gegenüber angenommen fühlt. Lob ist ja nichts anderes als eine
Art von Belohnung, die das Selbstwertgefühl hebt und als positiver
Impuls in die kreisförmige Selbstverstärkung des Erfolgs
einwirken kann.
Einige, die dies hier lesen, werden sich an Fälle erinnern, in denen
sie oder gar die ganze Klasse nicht so sehr aus eigenem Antrieb, sondern
"dem Lehrer zuliebe" gelernt haben. Bei einem späteren Lehrerwechsel
hörte das dann plötzlich auf, weil dieser einen nicht mehr so
ansprach.
"Schatzsuche statt Fehlerfahndung" hieß aus gutem Grund das Motto
der 12. Pädagogischen Woche 1995 in Oldenburg. Nicht
wenige Lehrer (mich eingeschlossen) tun sich nämlich schwer damit,
ihren Schülerinnen und Schülern im Unterricht wie ungehobenen
Schätzen zu begegnen. Stattdessen achten sie vor allem auf die
Fehler, die sie machen; und indem sie sie über Gebühr betonen,
weil sie sie "ausrotten" wollen, wirken sie in negativer Weise in den
Regelkreis des Erfolgs ein.
Denn leider wirkt dieser Regelkreislauf auch anders herum: Misserfolg
bewirkt Pessimismus; der erzeugt mangelndes Selbstvertrauen und
Selbstwertgefühl, woraus Demotivation entsteht - so verstetigt sich der Misserfolg noch.
Ich sprach oben von Lob oder kritischer Anerkennung von
Schülerleistungen. Auch Kritik, wenn sie angemessen vorgetragen wird,
kann überaus motivierend wirken. Voraussetzung ist freilich,
dass die Kritik auch das bisher schon Erreichte anerkennend
würdigt. Kritik soll Brücken bauen, nicht abreißen; sie
soll nicht verletzen, sondern anspornen ("Ich weiß, du kannst es
besser.").
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